Stille – ein “meritorisches” Gut

Eher zufällig bin ich auf einen Wandel meiner auditiven Rezeptionsgewohnheiten aufmerksam geworden. Gemeint ist hiermit im Besonderen die allgegenwärtige Berieselung mit Musik aus unterschiedlichsten Quellen, wie Radio, MP3-Player und Konsorten. Während es für mich in meiner Erinnerung vor einiger Zeit noch selbstverständlich war, zu allen möglichen Gelegenheiten Musik zu konsumieren – zwar nie völlig wahllos, aber dennoch recht selbstverständlich in allen denkbaren Situationen – bemerke ich immer stärker eine Tendenz, auf dies gezielt zu verzichten und lieber die Stille oder besser Ruhe (es gibt wohl kaum einen relativeren und dehnbareren Begriff als diesen) zu absorbieren. So wie beispielsweise am gestrigen Sonntag beim freizeitlichen Langstreckenlauf in einem nahe gelegenen Park: Statt der üblichen, in der Regel recht aggressiven musikalischen Untermalung in-aure, die dem erhöhten Rhythmus und Pulsschlag einer körperlichen Anstrengung gleichkommt und subjektiv anzutreiben vermag, war es eine wahre Wohltat, nur den Umgebungsgeräuschen des Parks ausgesetzt zu sein. Inklusive eines gewissen Grundrauschens der nicht allzu weit entfernten Hauptstraße und sporadischer Auszüge des Flugverkehrs. Im Großen und Ganzen jedoch eine friedliche Ruhe, die ein selten gewordenes Gut der heutigen Lebens- und Hörgewohnheiten zu sein scheint, jedenfalls in meiner Erfahrung. Besonders bemerkenswert, da dies offenbar, zumindest teilweise, eine bewusste Abwendung von eben dieser Ruhe beinhaltet.

Der Alltag bietet eine Vielzahl akustischer Reize, nur ein Teil dieser Reize hat jedoch relevant-informativen Charakter, wie vor allem Sprache, Signallaute und sonstige Sonifikationen. Ein Großteil der Geräuschkulisse wird von „akustischen Nebenprodukten“, in nicht geringem Ausmaß von maschinellen Geräuschen, gestellt, die oft eine Fokussierung auf die relevanten Schallereignisse erschweren. Trotz vieler Klagen über eine (zu) laute Umwelt, wird die Freizeit jedoch selten in „Ruhe“ verbracht, oft werden bewusste Berieselungen wie Radio und TV eingesetzt um Stille zu eliminieren.

Soweit eine nette Feststellung, aber was soll’s? Ausgehend von meiner eigenen Wahrnehmung interessieren mich Meinungen und Eindrücke zu bewussten und unbewussten Zuständen minimaler akustischer Reize. Werden diese Momente der Stille noch als angenehm empfunden? Feedback ist an dieser Stelle sehr erwünscht!

Und was hat das mit Audio Branding zu tun? Konzepte wie akustische Markenführung, die konsequenterweise auch mit akustischen Reizen arbeiten, berücksichtigen idealerweise den Gestaltungsaspekt Stille und dessen Wechselwirkung mit Tönen und Geräuschen als Pausen. Interessant ist die Frage nach der Stille eben auch unter dem Aspekt der Überreizung und Abnutzung der auditiven Wahrnehmung zu Ungunsten eines gelungenen Markentransfers.

Also: Kein Plädoyer für die Stille, aber doch eine leichte Verwunderung über das Unvermögen, diese bewusst zu (er)leben.

Verfasser: Andreas Pysiewicz

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