Musik weckt Emotionen und schafft neue neuronale Vernetzungen im Gehirn

Der gemeine Ohrwurm kommt unvermittelt und kann jeden, zu jeder Zeit befallen. Beispielsweise unter der Dusche, in der U-Bahn, beim Autofahren, im Büro, im Aufzug oder beim Geschäftstermin. Oft werden wir für Minuten, Stunden oder im Extremen sogar über mehrere Tage bis Wochen von einer Melodie verfolgt, die uns nerven, aber auch durchaus positive Emotionen schaffen und uns so durch den Tag begleiten kann. Musik geht nicht nur ins Ohr, sondern weckt auch Assoziationen und Gefühle in uns. Sie hat die Fähigkeit, mehrere Areale unseres Gehirns gleichzeitig zu stimulieren. Dort wird die Musik in ihre Bestandteile wie Melodie, Rhythmus uns Sprache zerlegt. Diese Signale werden dann nicht nur von Teilen des Gehirns ausgewertet, welche für die auditive Wahrnehmung verantwortlich sind, sondern sprechen auch Areale an, die für die motorischen und exekutiven, planenden Funktionen zuständig sind. Musik weckt Emotionen und schafft neue neuronale Vernetzungen im Gehirn.

Kann durch bloßes Musikhören, unsere Intelligenz gesteigert und unsere kognitiven Fähigkeiten ausgebaut werden? Vor einigen Jahren war der so genannte „Mozart-Effekt“ in aller Munde, welcher die Hypothese aufstellte, dass sich das räumliche Vorstellungsvermögen durch das Hören von klassischer Musik – im speziellen durch das Hören von Mozarts Kompositionen – verbessert. Der „Mozart-Effekt“ wurde kommerziell ausgeschlachtet und als Methode von Don Campbell patentiert. Er veröffentlichte unter diesem Patent zahlreiche  Publikationen und CDs, die angeblich die Leistungsfähigkeit des Konsumenten, durch den Genuss von Mozarts Musik, steigern sollten.

Diese Hypothese wurde im Jahr 1993 von der University of California aufgestellt, konnte aber bis heute nicht endgültig bewiesen werden. Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass regelmäßiges Musizieren die Koordination, die Motorik, das Gedächtnis sowie das Einfühlungsvermögen nachhaltig fördern und die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern kann. Darüber hinaus erklärt der Mediziner und Flötist Eckart Altenmüller in einem Interview, welches in der Fachzeitschrift „Gehirn&Geist“ veröffentlicht wurde, dass gemeinschaftliches musizieren eine vermehrte Oxytozin Ausschüttung zur folge hat. Dieses Hormon ist als Vertrauenshormon bekannt.

„Wer allein am Klavier spielt, trainiert vornehmlich feinmotorische Fertigkeiten, Gehör und Gedächtnis. In der Gemeinschaft mit anderen kommt eine weitere wichtige Dimension hinzu: Man will zusammen etwas Schönes erschaffen, muss sich dafür konzentrieren, auf andere [Menschen] einstellen.“

Das gemeinschaftliche Musizieren schafft also Selbstvertrauen, welches für alle Bereiche des Lebens benötigt wird. Fest steht auch, dass Musik, die eine gewisse Lautstärke nicht überschreitet, auf den Menschen aktivierend wirkt. Ergänzend führt Altenmüller aus: „[...] Eine störende, laute Beschallung führt dagegen zu vermehrter Ablenkbarkeit. Doch auch Kindern, denen man zuvor eine spannende Geschichte vorlas, schneiden bei anschließenden Denkaufgaben häufig besser ab. Das hat nicht primär etwas mit Musik zu tun, sondern mit dem allgemeinen Erregungsniveau.“

Auch im Bereich des Sound Branding geht es darum, ein Erregungsniveau beim Rezipienten zu schaffen, damit die Markenbotschaft vom potentiellen Kunden positiv aufgenommen wird. Ein gutes akustisches Design zeichnet sich dadurch aus, dass es beim Rezipienten Interesse am Produkt, an der Marke weckt, ihn aber nicht mit akustischen Reizen überflutet und zum Weghören animiert. Extrem laute, schrille Töne oder unpassende Musik und aggressiv artikulierte Slogans, wie es große Elektronikkonzerne praktizieren, bringen für die Werbebotschaft also nicht immer Vorteile. Auch die Stille, die Pause, ist ein musikalisches Element, welches leider viel zu selten genutzt wird, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Viel Aufmerksamkeit hat auch John Cages „stilles Stück“ 4’33 von 1952 im Jahr 2010 erregt.

Unter dem Titel: CAGE AGAINST THE MACHINE startete im November 2010 eine Facebook-Kampagne, die John Cages Stück zu Weihnachten auf Platz 1 der UK Charts bringen sollte. Es landete letztendlich immerhin auf Platz 21.  Wenn ihr mehr über die Motivation und die Hintergründe zu dieser Aktion erfahren wollt, könnt ihr den Blog des Projekts besuchen. Nun das Video von der Performance aus dem Jahr 2010.

Viel Spaß und Freude beim Anschauen.

Matthias

 

Quellen:

Phänomen Ohrwurm. In der neuronalen Endlosschleife – Handelsblatt

Macht Musik intelligent? – Spektrum

Der Mozart Effekt – Wikipedia-Eintrag

Cage against the Machine – Facebook-Kampagne zu John Cage – 4’33”

 

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