Mit Gespür und Empfindung für das Sublime und Subliminale

Rückblick auf das Symposium Klanganthropologie der UdK Berlin am 8. November im Tesla Klub, Berlin

Gespür. Empfindung. Kleine Wahrnehmungen. , so lautete die Ankündigung der im Rahmen eines öffentlichen Symposiums stattfindenden Vorträge und Performances des Seminars Klanganthropologie im Masterstudiengangs „Sound Studies“ der Berliner Universität der Künste. Ein in weiten Teilen vor allem kunstphilosophischer Exkurs über Ästhetik und Klang, der viele interessante Ansätze und Einblicke zu bringen vermochte.

In seiner Begrüßungsrede rückte Studiengangsleiter und Organisator Holger Schulze den Titel der Veranstaltung in den rechten Kontext und unterstrich die Bedeutung des Gespürs, als natürliche Anlage und schwer zu fassende Befähigung im Konnex des Unbewusstem und Subtilem, die eine entscheidende Rolle im Empfindungs- und Wahrnehmungsprozess spiele. Entscheidend dabei auch der menschliche Körper als Gesamtsinnesorgan mit multisensorischen Fähigkeiten, der analog zu technischen Messgenauigkeiten, zu einer Empfindungsgenauigkeit in der Lage sei.

Verwoben und verwickelt in die Wahrnehmung eines Momentes gab sich Christoph Illing, der erste Referent des Tages im Themenkomplex Petits perceptions. Seine poesiehaft gestaltete Auseinandersetzung mit der geahnten bzw. gespürten Bedeutung der eigenen Wahrnehmung, bei der eine Objektivität unmöglich zu sein scheint, spielte, u.a. in Anlehnung an Leibniz, mit der Begrifflichkeit der Verwicklung, der unüberwindlichen Verbindung des Selbst mit dem umgebenden Wahrgenommenen. Die Abgrenzung zur Verflechtung und dem Verstricktsein konnte dabei den paradoxen Eindruck einer semantischen Differenzierung von Synonymen nicht gänzlich abwenden.

Jens Papenburg ging im zweiten Vortrag dann genauer auf die petite perceptions , die kleinen Wahrnehmungen im Kontext von Leibniz ein, und stellte die bewusste Perzeption als Ergebnis vieler kleiner (unbewusster) Perzeptionen heraus. Seine Ausführungen führten vom Subliminalen in Pop und Werbung über viele Beispiele zu Aspekten der Medienmusik, hin zur Dualität des Hörens zwischen cochlearer und vestibularer Wahrnehmung. Gerade in Bezug auf subliminale Reize in Sound gilt letztere als verdächtige Komponente. Die Diskussion über aktuelle Kompressionsverfahren wie z.B. MPEG-1 Layer 3 (MP3), die psychoakustische Effekte ausnutzen und das nicht mit dem Ohr hörbare, unterbewusste herausfiltern, warf spannende Fragen hinsichtlich der kleinen Perzeptionen auf.

Der dritte Referent des ersten Themenblockes, Frank Lachmann, sprach sich im Anschluss für Stille als positve Gestalt aus, umriss sprachphilosophisch und theoretisch vielschichtig den Begriff der Stille als „Nicht-Klang“, eben die Abwesenheit von Bewegung, von Schwingung. Relativiert wurde diese theoretische, absolute Stille von der scheinbaren Allgegenwart von klanglichen Ereignissen; Das positive an dieser Stille will oft nicht erkannt werden, die Notwendigkeit ihrer Existenz, von Ruhe und Pause, wird oft überhört. Lachmann plädiert für eine Besinnung und Anerkennung eben dieser, für ein bewusstes erleben der allgegenwärtigen Geräuschkulisse.

Den zweiten Themenbereich Living Rooms eröffnete die externe Referentin Susanne Nemmertz, mit ihrer Untersuchung über die Empfindung und Beanspruchung des eigenen Raumes, exemplarisch durchgeführt beim Biwakieren in den Bergen. Dabei boten sich Einblicke, die das Empfinden von Raum auf eine sehr intuitive Weise, die Perspektiven von Mensch und Raum im Kontext des Gespürs darstellte. Zwischen Sicherheitsbedürfnis und dem Abstecken des beanspruchten Territoriums referierte Nemmertz über mögliche subtile Einflussfaktoren für die Empfindung von selbstreflexivem Raum.

Olaf Schäfers Hommage He loved him madly, eine autobiographisch anmutedende Lesung zum Empfinden von Raum, verband gesprochenes Wort mit der musikalischen Hintergrundsuntermalung des Großmeisters des Jazz, Miles Davis, in psychedelisch-experimenteller Weise irgendwo zwischen Pink Floyd und Iron Butterfly. Assoziationen zu Werken von Timothy Leary – freilich ohne Hinzunahme von Lysergsäurediethylamid – drängen sich auf, sind sicher aber nicht primäre Quellen des Einflusses. Klare Stellungnahmen zur Mensch-Raum-Beziehung sind auch hier fester Bestandteil der Performance.

Der dritte Redner dieses Themenkomplexes war der Städteplaner und Soundmapper Yukio King, der für einen neuen, kreativen Ansatz (“the rise of the creative class”) der Städteplanung eintritt, und unter dem Titel Sound Urban Design auch oder besonders akustische Aspekte für die Nutzung und Gestaltung von Raum propagiert. Ausgangspunkt für Kings Projekte, u.a. auch sein Soundmapping-Weblog berlincast.com ist die klangliche Analyse der Umgebung, die als Spuren für das dort stattfindende Leben angesehen/gehört werden können und den Charakter der Räume repräsentieren. Sensibilisierung der Menschen für ihre Räume, die Identitäten ihrer Umgebungen und nachhaltige planerische Konzepte mit möglichst multimedialer Vernetzung sind ihm vorschwebende Idealkonzepte.
Eine schöne Erklärung fand sich auf die Zuschauerfrage, was den der Vorteil einer akustischen Bestandsanalyse sei: Während visuelle Aspekte immer nur reflektiertes (Sonnen-) Licht darstellt, ist die Quelle von Klang, Die Bewegung und Schwingung immer vor Ort existent.

Der folgende Themkomplex mit dem Titel Notation und Interpretation wurde von Rüdiger Schlömer eingeleitet, einem UdK-Absolventen des Bereichs Design, der sich mit der semantischen Analyse von zufällig entstandenen Kritzeleien – in Form von Testzetteln, wie man sie aus Schreibwarenabteilungen zum ausprobieren von Schreibgeräten kennt – beschäftigte. Dabei ließ er eine Reihe Musiker ihre musikalischen Assozationen ohne konkrete Anweisung klanglich umsetzen und sammelte und strukturierte diese subjektiven Interpretationen. Entsprechend vielfältig zeigten sich die Ergebnisse; Schlömer betonte, dass es sich bei der Repräsentation durch Musik um einen von vielen Wegen zur Interpretation und Umsetzung des Ausgangsmaterials sei; Sein the writings of… sei nicht primär ein musikalisches oder klangliches Experiment gewesen.

Dieser Vortrag war auch leider der letzte, dem ich beiwohnen konnte, obgleich sich noch eine ganze Reihe spannender Referate und Perfomances anschloss. Es bot sich jedoch auch so ein großer Output und reicher Kontext, der auf eine zunehmende Sensibilisierung für “den guten Ton”, für Klang und den angemessenen Umgang mit Sound hoffen lässt. Hinhören lohnte sich allemal: die anliegende Untergrundbahn gab in regelmäßigen Rhythmen zu verstehen, dass sie beim Klangbild Berlins auch noch ein Wörtchen mitzureden hat.

Die mitgeschnittenen Beiträge sollen, für tiefer Interessierte, noch in hörbarer Form auf der Internetseite der UdK-Symposien veröffentlicht werden.

Verfasser: Andreas Pysiewicz

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