Akustischer Flashmob zum „Jahr der Kirchenmusik“

Kurz vor dem 500-jährigen Reformationsjubiläum, das 2017 gefeiert wird, stellt die Evangelische Kirche in Deutschland das Jahr 2012 als „Jahr der Kirchenmusik“ unter das Motto „Kirche macht Musik – Musik macht Kirche“. Dass eine solche Aktion auch in die Öffentlichkeit gebracht werden und beworben werden muss, versteht sich von selbst. Die Evangelische Landeskirche in Baden hat nun eigens dafür einen YouTube-Spot ins Netz gestellt, der „Mit Rocker und Rollator“ die verschiedensten Menschen musikalisch vereint – „Gottesklang ist überall“, so heißt es am Ende. Ein (leider gestellter) akustischer Flahmob zum „Jahr der Kirchenmusik“.

Eine wohl ganz alltägliche Situation: Eine ältere Dame, die nicht mehr so gut zu Fuß und daher auf ihren Rollator angewiesen ist, möchte die Straße überqueren. Der Fahrer eines roten Sportwagens muss deshalb anhalten. Als es ihm aber zu lange dauert, beginnt er zu hupen. Auch von der anderen Seite kommen bereits Autos, ein Stau entsteht, die Seniorin mittendrin. Und alle hupen sie genervt an. Bis auffällt: Die Reihenfolge der einzelnen Huptöne ergibt eine Melodie! Und zwar nicht irgendeine, nein, man hört das große Halleluja aus Händels Messias! Das hat auch eine Anwohnerin bemerkt, die kurzerhand ihre Posaune zückt (man soll ja schließlich gleich merken, um welche der beiden großen Kirchen es hier geht), ein kurzes Vorspiel zum Besten gibt, und schließlich setzen alle Schaulustigen singend mit ein, dirigiert von einem Rocker auf einem Trike: Halleluja!

Mit Rocker und Rollator – Ekiba

Inspiriert vom Telekom-Spot, in dem Paul Potts mit allen Anwesenden im Leipziger Bahnhof im Rahmen eines akustischen Flahmobs „Freude schöner Götterfunken“ singt, arbeitete Regisseur Patrik Gölz am 8. Oktober 2011 in der Körnerstraße in Karlsruhe mit ca. 80 Komparsen an der Realisierung dieses Werbeclips. Das Besondere an dem einminütigen Film ist für Gölz, dass aus einer scheinbar ganz alltäglichen Situation „plötzlich ein Happening wird“.  Eine Situation, die die Beteiligten durch die gemeinsam geschaffene Musik zusammenschweißt und einen Wow-Effekt hat – eine „schöne andere Idee für die Kirche“, findet der Regisseur. Denn Musik spricht jeden an und auch jeder kennt das Halleluja. Es ist sein Ziel, jeden zu begeistern. Und zwar nicht nur kirchenaffine Menschen, sondern wirklich alle, denn für eben diese Zielgruppe soll auch das Jahr der Kirchenmusik sein. Der Frage, wie man an Kirchenmusik vielleicht auch mal anders herangehen und sie in den Alltag vieler Menschen bringen kann, soll ein Videowettbewerb auf den Grund gehen, bei dem man noch bis Ende November eigene Videos einreichen und Geldpreise gewinnen kann. (Hier wäre dann die Chance, mit einem „echten“ akustischen Flashmob zu punkten!)

Kommen wir nun zum Thema Sound Branding. Sieht man Kirche nämlich ein Stück weit als Marke, ist Kirchenmusik ja in gewisser Weise auch gebrandet, wird also meistens bereits beim ersten Hören treffend zugeordnet und transportiert zudem die Werte der Glaubensgemeinschaft. Landesbischof Dr. Ulrich Fischer schreibt im Grußwort zum Jahr der Kirchenmusik: „Kirchenmusik ist nicht nur künstlerische Verschönerung des Gottesdienstes. Sie ist selbst Ausdruck des Glaubens und zugleich für viele Menschen ein Fenster zum Glauben.“ Zwar gibt es für die Kirche kein Markenthema, das dann musikalisch in den Stücken weiterverarbeitet wird, aber bei den Kirchenglocken lässt sich im weitesten Sinne von einem Audio Logo sprechen – auch wenn jedes Kirchengebäude wohl sein eigenes Läuten hat. Die Funktion jedoch, dass das Erklingen dieses Geräuschs sofort mit der Marke, in diesem Fall also mit Kirche, assoziiert wird, ist identisch und funktioniert schon seit Jahrhunderten. Ob die Kirche allerdings katholisch oder evangelisch ist, hört zumindest der Laie nicht raus. Hier kommen dann andere akustische Signale ins Spiel, wie z.B. der Posaunenchor der Protestanten oder die liturgischen Gesänge der Katholiken.

Doch die Bedeutung von Musik im kirchlichen Rahmen geht über die schlichte Wiedererkennungsfunktion hinaus. Denn auch intern gesehen hat Musik in der Kirche einen hohen Stellenwert: „Das Singen und Musizieren ermutigt Menschen, bestärkt sie im Glauben und Hoffen, stiftet Gemeinschaft und vermittelt Lebenssinn. Kirche ist darum ohne Musik nicht denkbar. Diese Bedeutung der Kirchenmusik bringt das Motto des Jahres der Kirchenmusik in der Evangelischen Landeskirche in Baden auf den Punkt: ‚Kirche macht Musik – Musik macht Kirche’“, so der Landesbischof. Und sie ist vielfältig. Bei jahrhundertealten Chorälen über Gospelmusik bis hin zu modernen Pop-Kantaten kann sich jeder in der Kirche wiederfinden. Somit sorgt der Corporate Sound in all seinen stilistischen Ausprägungen auch nach innen für eine „Unternehmensidentifikation“.

Viele Grüße
Tine

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